sonnenbrand

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Sonnenbrand

(von mir)

1. Kapitel:

Langsam tauchte Claudia Walker aus einem tiefen Schlaf auf. Sie spürte, daß etwas Kühles, Feuchtes ihren Oberkörper und ihre Beine niederdrückte. Die salzige Luft des Meeres drang ihr in die Nase. In der Ferne hörte sie Wellen rauschen. Sie wollte sich wieder in den Schlaf sinken lassen, aber es gelang ihr nicht. Ihr Gesicht brannte. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, aber sie waren wie zugeschwollen. Müllsam versuchte sie, sich aufzusetzen. Aber irgend etwas - etwas Festes, Schweres - drückte sie nieder. Ihre Augen öffneten sich einen Spalt. Dicht neben ihrem Kopf umschwirrten Sandfliegen einen mit trockenem Seegras bewachsenen Erdwall. Eine einzelne Fliege jagte im Zickzack über den Sand. Sie schwirrte auf sie zu, ihre grünen Augen zuckten. Ein dünnes, haariges Bein berührte ihr Kinn. In aller Ruhe kroch die Fliege über ihre Lippen. Als Claudia sie verscheuchen wollte, merkte sie, daß sie ihre Arme nicht heben konnte. Sie versuchte angestrengt, sich zu bewegen, während die Fliege über ihre Wange auf das geschwollene Auge zukrabbelle. Unbarmherzig brannte die Nachmittagssonne hernieder. Claudia leckte sich über die Lippen. Sie waren blasig und aufgesprungen. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, und das Schlucken tat ihr weh. Warum kann ich mich nicht bewegen? Was für ein Gewicht liegt da auf mir? Schließlich zwang sich Claudia, die Augen ganz zu öff- nen. Ein großer Sandhaufen bedeckte ihren Körper. Man hat mich begraben - lebendig begraben! schoß es ihr durch den Kopf. Panik erfaßte sie. Mit größter Anstrengung gelang es ihr, den Kopf so weit hochzuheben, daß sie erkennen konnte, wie die Wellen immer dichter an sie heranrollten. Die Flut kam! Ich muß aufstehen! Ich muß hier raus! Sonst werde ich ertrinken! Claudia ließ den Kopf auf den heißen Sand zurücksinken und rief mühsam um Hilfe. Ihre Stimme überschlug sich. Ihre ausgetrocknete Kehle schmerzte. "Ist da niemand?" schrie Claudia. "Kann mir denn niemand helfen?" Es kam keine Antwort. Eine Möwe glitt hoch über ihr vorüber und schien sich mit ihrem Gekreische über sie lustig zu machen. Die Sonne glühte erbarmungslos auf sie herab. Claudia versuchte mit aller Kraft, wenigstens einen Arm freizubekommen. Aber die Hitze hatte sie völlig entkräftet. Wie lange habe ich hier gelegen und geschlafen?Wie lange bin ich schon begraben? Wo sind meine Freundinnen? Ihre Schläfen fingen an zu pochen. Als sie in den hellen, wolkenlosen Himmel hinaufblickte, wurde ihr ganz schwindelig. Verzweifelt versuchte sie, ihre Arme und Beine unter dem Gewicht des Sandes zu bewegen. Aber es hatte keinen Zweck. Ihr Herz pochte laut. Schweiß rann ihr über die Stirn. Sie rief noch einmal. Keine Antwort. Nur das gleichmäßige Geräusch der heranbrandenden Wellen und die schrillen Schreie der Seemöwen über ihr. "Hört mich denn keiner?" Angenommen, ihre Freundinnen waren zum Haus zurückgekehrt, dann konnten sie sie unmöglich hören, soviel war ihr klar. Sie reckte den Hals und konnte die steilen Holzstufen erkennen, die den sechzig Fuß hohen Felsen zum Haus hinaufführten. Das Haus hatte dicke Steinwände wie ein Schloß. Niemand würde sie da oben hören können. Niemand würde kommen.
Trotzdem schrie sie laut um Hilfe.

2. Kapitel:

Liebe Claudia, wie geht's Dir denn so? Um es kurz zu machen: ich lade Dich hiermit zum ersten Jahrestreffen von Zimmer 12 aus dem Ferienlager "Vollmond" ein. Wir vier waren letzten Sommer nur so kurz zusammen, daß ich mir überlegt habe, es wäre doch toll, wenn wir uns wieder mal treffen würden. (Mit dem Briefeschreiben haben wir''s wohl alle nicht so, ich schon gar nicht.) Meine Eltern sind in der ersten Augustwoche weg. Sie meinten, ich könnte doch ein paar Freundinnen in unser Sommerhaus am Strand einladen, damit ich nicht so allein bin. Also, wie sieht''s aus, Claudi? Kommst Du? Wir vier aus Zimmer 12 - Du, ich, Sophie und Joy -, das war'' doch was. Ich hoffe, daß es Dir in Shadyside so richtig schön langweilig wird in den Ferien, dann sagst Du bestimmt ja. Ich verspreche Dir, hier wird''s garantiert nicht langweilig! Bitte komm doch! Marla
Dieser Brief war schuld daran, daß Claudia hier an diesem einsamen Strand gelandet war. Obwohl Marlas Einladung überraschend kam, hatte Claudia sofort zugesagt. Der Sommer war bis dahin höchst unerfreulich verlaufen. Am vierten Juli halte sie sich von Steven, mit dem sie zwei Jahre lang befreundet gewesen war, nach einem blödsinnigen Streit getrennt. Und eine Woche später verlor sie ihren Sommerjob als Kellnerin, weil das Restaurant zumachte. Das wird toll, die Mädchen wiederzusehen, dachte Claudia, als sie auf ihrer Veranda in der Fear Street stand und Marlas Einladung gleich mehrmals las.

Drei Wochen hatten sie letzten Sommer miteinander verbracht und waren dabei richtig gute Freundinnen geworden. Es war wirklich eine schöne Zeit gewesen, sie hatten soviel Spaß gehabt - bis zu dem Unfall... Mit der Einladung in der Hand lief Claudia ins Haus,
zeigte sie ihrer Mutter und stürzte in ihr Zimmer, um Marla anzurufen. "Ich kann es gar nicht erwarten, dich wiederzusehen!" rief sie. "Und euer Sommerhaus! So, wie du es uns beschrieben hast, muß es ja eine richtige Villa sein!" "Es ist schon ne ganz nette Hütte", lachte Marla. Ich glaube, es wird dir gefallen."
Zwei Wochen später saß Claudia im Zug nach Summerhaven. Sie hatte sich für die lange Fahrt ein Buch mitgenommen, aber statt zu lesen, starrte sie aus dem Fenster und
dachte an Maria und die anderen Mädchen und an ihre kurzen gemeinsamen Ferien im Sommerlager. Viereinhalb Stunden später betrat Claudia den Bahnsteig von Summerhaven, blinzelte ins grelle Sonnenlicht und erkannte Joy und Sophie, die neben einem Kofferhaufen standen. Joy hatte nur ein einziges Gepäckstück bei sich, eine
glänzende Designertasche. Sophie dagegen gehörten die vier verschiedenen vollgestopften Taschen und Koffer. Claudia mußte lachen. Das war genau wie im Ferienlager, wo Sophie mit zwei Koffern voller Kleider und einem ganzen Sack Kosmetika aufgekreuzt war. Sie hatte ihnen seufzend erklärt, daß sie sich nie entscheiden könne, was
sie zu Hause lassen sollte. Als Claudia ihnen winkte und auf sie zuging, fuhr ein
silberfarbener Mercedes am Bahnhof vor. Marla sprang aus der Fahrerseite heraus, ließ die Tür offenstehen und rannte auf Joy und Sophie zu, um sie zu umarmen.
Claudia staunte von weitem über Marlas neues Aussehen. Sie wirkte größer und noch schlanker als vor einem Jahr. Ihr rotblondes Haar hatte sie lang wachsen lassen, und in ihrem türkisfarbenen Designer-Top und den weißen Tennisshorts sah sie richtig toll aus. Joy wirkte genauso exotisch wie damals. Sie hatte leicht schräg stehende grüne Augen, einen olivfarbenen Teint, dunkle, volle Lippen und glattes schwarzes Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte. Auch Sophie hatte sich nicht verändert, fand Claudia. Sie war immer noch die Kleinste von den vieren. Über ihrem runden Gesicht thronte ein krauser hellbrauner Haarschopf. Sie trug eine Brille mit Drahtgestell, um älter und klüger auszusehen, aber man hätte sie immer noch für zwölf halten können. Joy entdeckte Claudia als erste. "Claudi!" schrie sie so laut, daß alle Leute auf dem Bahnsteig sich nach ihr umdrehten. Ehe Claudia antworten konnte, kam Joy schon auf sie zugerannt und fiel ihr so heftig um den Hals, als wäre sie eine Schwester, die sie jahrelang aus den Augen verloren hatte. Sophi kam näher und umarmte Claudia flüchtig. Ihre Begrüßung war hörflich und kühl und doch irgendwie ehrlicher. Marla drückte Claudia kurz an sich und sagte: "Laßt uns gehen. Ich darf hier nicht parken!" Kurz darauf rollte ihr Wagen langsam durch den kleinen Badeort Summerhaven. Sie lehnten sich in den weichen Ledersitzen zurück und genossen die Kühle des klimatisierten Mercedes, während sie hinausschauten. Marla fuhr an der Strandpromenade und den kleinen Läden vorbei, die Surf- und Angelbedarf verkauften, dann an einer Anlage von Ferienhäusern. Die Bungalows wurden von einer Reihe größerer Häuser abgelöst, und dahinter war der Ort auf einmal zu Ende. "Marla", sagte Sophie erstaunt, "ich dachte, ihr wohnt in Summerhaven!" "Nein", antwortete Marla, den Blick auf die schmale Straße gerichtet. "Unser Haus liegt draußen auf der Landzunge, ungefähr fünfzehn Meilen außerhalb der Stadt. Wir gehen nur in Summerhaven einkaufen und zur Post." Die Straße schlängelte sich jetzt durch hohe, grasbewachsene Sanddünen. Jenseits der Dünen konnte Claudia das gleichmäßige, sanfte Rauschn des Meeres hören. "Dieser Teil des Strandes ist gesperrt", erklärte Marla. "Es ist ein Vogelschutzgebiet." Sie fuhren mehrere Meilen durch das Schutzgebiet. Als sie es hinter sich gelassen hatten, wurde die Straße noch schmaler und mündete schließlich in einen Kiesweg, der gerade breit genug für einen Wagen war. Claudia stieß einen Schrei der Überraschung aus, als die Drexell - Villa sich plötzlich vor ihnen erhob. Marla hatte ihr im Ferienlager Fotos davon gezeigt, aber in Wirklichkeit war das Haus noch viel schöner. Marl öffnete ein Metalltor und zwängte den Wagen durch die schmale Lüche in der großen, perfekt zurechtgestutzten hecke, die das Grundstück eingrenzte. Man hatte sie gepflanzt, um damit den Metallzaun zu verdecken. Das graue Steinhaus, das wie ein Märchenschloß am Ende eines weiten, gepflegten Rasens lag, war nun in voller Größe zu sehen. Ein breiter Wg führte in sanftem Bogen hinauf zur Seitenfron des Hauses. Dort erblickte Claudia einen Wintergarten mit einer bemalten Kuppel. Hinter dem Haus erstreckte sich eine große Terrasse bin hin zu einem Tennisplatz, einem bunten Aussichtstürmchen, den Gärten, einem riesigen Swimmingpool und mehreren kleineren Gebäuden. Marla erklärte ganz beiläufig: "Ach, übrigens, das ist das Bootshaus und das da der Geräteschuppen, dann noch eine Kabine, falls jemand sich nicht im Haus umziehen will, das Gärtnerhäuschen, der Holzschuppe ... Das größere Gebäude dort hinten ist das Gästehaus." "He, Marla, hast du vielleicht 'ne Landkarte davon?" fragte Joy scherzhaft. "Hier kann man sich ja richtig verlaufen!" "Keine Sorge", meinte Marla, während sie den Wagen in die große Garage fuhr, die Platz für vier Autos bot. "Wir bleiben zusammen. Ich freue mich so, dass ihr alle gekommen seid. Ich werde euch schon nicht aus den Augen lassen." 
"Wir bleiben zusammen ..."
Jetzt, während sie unter dem Sand begraben lag und die Wellen immer näher schwappten, fielen Claudia Marlas Worte wieder ein. "Wie bleiben zusammen ..." Aber wo war Marla jetzt? Wo war Joy? Wo war Sophie? Wie konnten sie sie einfach hilflos in der sengenden Sonne liegenlassen? Claudia schloss die Augen. Ihre Kehle schmerzte. Ihr Gesicht brannte. Es juckte sie im Nacken, aber sie konnte sich nicht kratzen. Wasser ergoß sich über den Sand, der plötzlich noch schwerer auf ihrer Brust lag. Die Wellen kommen näher. Ich werde ertrinken, dachte Claudia. Sie öffnete die Augen und spürte auf einmal einen Schatten. Der Schatten des Todes. Es wird dunkler. Immer dunkler. Der Tod kommt und schließt die Tür hinter sich. Während Claudia einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, sich zu befreien, wälzte sich der Schatten leise über sie.



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