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Brandnarben

(von Vicky)

Weiße Wolken zogen an der Sonne vorbei, rissen plötzlich auf, und funkelndes Sonnenlicht strömte durch das verstaubte Fenster der Schulbücherei herein. Jill Franks blinzelte und lachte, als ihre Freundin Andrea Hubbard sich schnell eine riesige rote Sonnenbrille mit herzförmigen Gläsern aufsetzte. "Wo hast du denn die her?" fragte Jill flüsternd. "Ist sie nicht toll?" rief Andrea. "Findest du nicht auch, daß ich damit sexy und geheimnisvoll aussehe?" "Seid doch mal leise!" Jill und Andrea wandten sich überrascht Diane Hamilton zu, die als einzige von ihnen vor einem aufgeschlagenen Buch saß. Die Mädchen hatten sich im Lesesaal an ihrem Stammplatz hinter den Regalen ausgebreitet. "Was hast du gesagt?" brüllte Andrea, und sie und Jill prusteten wieder los. "Die Brille sieht wirklich super aus", bemerkte Diane und konnte sich auch kaum mehr das Lachen verkneifen. "Aber, Andrea, wir sind hier in der Bücherei, und wir sollten doch für die Erdkundearbeit lernen." "Ganz ruhig", sagte Jill gelassen. "Wir sind allein auf weiter Flur. Miss Dotson ist vor einer Viertelstunde zum Mittagessen gegangen." "Außerdem haben wir noch zwei Stunden Zeit", wandte Andrea ein und streckte sich wie eine Katze. "Vielleicht werden wir ja rechtzeitig vor der Arbeit noch von Außerirdischen entführt!" Jill mußte wieder lachen. Immer nahm Andrea alles von der lustigen Seite. Manchmal fragte sie sich, ob Andrea nur so tat oder ob sie wirklich nie etwas ernst nahm. "Du hast leicht reden, Andrea", klagte Diane. "Ihr beide seid schon ewig an dieser Schule. Aber an meiner alten Schule ist der Erdkundeunterricht dauernd ausgefallen, und wir waren mit dem Stoff noch nicht so weit wie ihr." "Oooh, du Arme!" machte Andrea sich lustig. "Dann denkst du wahrscheinlich heute noch, daß die Erde eine Scheibe ist!"  "Wer sagt denn, daß das nicht summt?" bemerkte Jill im Scherz."Ist ja gut, ihr zwei", sagte Diane mit Nachdruck. "Aber ich muß in diesem Jahr wirklich gut abschneiden. "Einernster Ausdruck erschien auf ihrem kleinen, runden Gesicht, so als hinge von der Erdkundearbeit ihr Leben ab. Jill musterte Diane mit einer Mischung aus Arger und Betroffenheit. Diane war klein von Statur und hatte braune Haare. Mit ihrer schüchternen Art war sie das genaue Gegenteil von Jill und Andrea. Jill war groß und schlank und hatte lange, dicke schwarze Haare. Andrea war muskulös und kräftig und hatte rotes Haar, das sie kurzgeschnitten trug wie ein Junge. Im Gegensatz zu Diane waren sie beide extrovertiert und immer auf Spaß aus. Aber als Diane am Schuljahrsanfang zu ihrer Turnmannschaft gestoßen war, hatten sich die drei trotzdem auf Anhieb prima verstanden. Vielleicht gerade weil Diane so anders ist, dachte Jill. Diane war immer die Ruhe in Person und meist mit Ernst bei der Sache, während Andrea eher sprunghaft war und Jill von übersprudelndem Temperament. In Jills Augen jedenfalls war sie der netteste Mensch weit und breit. Sie verteilte gern Komplimente und verstand es, einen zu ermuntern. "Hey, mach dir wegen der Erdkundearbeit keine Gedanken", sagte Andrea jetzt ernster. "Mrs. Markham vergibt die Abschlußnoten nicht nur nach den schriftlichen Arbeiten." "Da hat sie aber ganz was anderes gesagt", protestierte Diane. "Und wennschon!" sagte Andrea optimistisch. "Mir reicht, wenn meine Noten gut genug sind, damit ich die Zulassung für-Sport bekomme." "Wenn du erst mal Landesmeisterin im Turnen bist,
interessiert keinen mehr, was für Noten du in den anderen Fächern hast." Jill glaubte fest daran, daß Andrea es schaffen würde. "Meinst du wirklich, ich hätte Chancen auf den Meistertitel?" fragte Andrea skeptisch. "Wer denn sonst?" "Na ja, wie wär''s mit einer von den anderen zwölf Finalistinnen?" "Ich wette, daß keine dich schlagen wird!" meldete sich Diane zu Wort. "Im Bodenturnen zumindest hab ich noch keine gesehen, die besser gewesen wäre als du!" "Danke für das Kompliment", sagte Andrea lachend und setzte hinzu: "Ich sollte es vielleicht für mich behalten, aber ich glaube auch, daß ich Aussichten auf eine Medaille habe. Wenn ich bloß etwas besser auf dem Schwebebalken wäre!" "Wir unterstützen dich am Wochenende beim Training", schlug Jill vor. "Nicht wahr, Diane?" "Klar", sagte Diane. Über ihr ernstes Gesicht huschte ein Lächeln. "Vor allem brauche ich Hilfe bei der Musikauswahl für meine Bodenkür", sagte Andrea nachdenklich. "Habt ihr vielleicht irgendwelche Ideen?" "Wie wär''s mit Bolero? Bolero war eins von Jills Lieblingsstücken. "Ausgeschlossen! Das nehmen schon zu viele andere",winkte Andrea ab. "Ich möchte was wirklich Ausgefallenes, etwas, worauf keine von den anderen so schnell kommt." "Wie wär''s dann mit einer extra für dich geschriebenen Musik?" fragte Diane. "Oh, sicher", sagte Andrea. "An was hast du denn so gedacht? Ich mach' meine Salti, und ihr beide blast dazu auf Kämmen?" "Nein, mir ist da gerade etwas eingefallen!" rief Diane aufgeregt. "Ich hab'' da doch diesen Freund - sozusagen ein Liedermacher. Also, er schreibt seine eigenen Gitarrensongs. Er ist wirklich gut!" "Na, phantastisch! Vielleicht hat er ja Lust, auf dem Stufenbarren Platz zu nehmen und loszuklimpern." Andrea seufzte. Jetzt mal im Ernst - ich suche was wirklich Originelles!" "Aber es ist doch mein Ernst", erwiderte Diane gekränkt. "Ich finde Dianes Idee klasse!" rief Jill. "Wenn ihrem Freund irgendwas Tolles einfällt, könnten wir es für den Wettbewerb auf Kassette aufnehmen. Von den anderen kommt bestimmt keine darauf, selbstkomponierte Musik zu nehmen." "Du meinst, das würde er wirklich machen?" fragte Andrea. "Nächste Woche kannst du ihn selbst fragen", sagte Diane. "Sein Vater ist gerade nach Shadyside versetzt worden, und in ein paar Tagen werden auch Gabe und seine Mutter hier sein." "Gabe?" fragte Andrea verwundert. "Ja. Das ist die Kurzform von Gabriel", erklärte Diane. "Wie dieser Erzengel. Bloß daß Gabe mehr von einem Teufel hat!" Jill und Andrea sahen Diane einen Moment lang befremdet an. Es war ganz und gar nicht die Art ihrer Freundin, so daherzureden. "Was meinst du damit?" wollte Jill genauer wissen. "Er ist anders als andere Jungen", sagte Diane. "Er ist...naja, ein bißchen wild und doch irgendwie lustig und süß. Ich kenn ihn praktisch schon von klein auf, aber ich kann immer noch nicht einschätzen, was er sich als nächstes einfallen läßt." "Hört sich interessant an", bemerkte Andrea und zog eine ihrer schmalen Augenbrauen hoch. "Außerdem sieht er gut aus", fügte Diane hinzu. "Er hat die grünsten Augen, die ihr je gesehen habt. Ich meine, so richtig grün, nicht bräunlichgrün." "Wann können wir Mister Perfect, bitte schön, kennenlernen?" fragte Andrea gespannt."Wie gesagt?er müßte jeden Tag mit seiner Mutter hier eintreffen. Ich freue mich schon darauf, aber ..." Diane ließ ihre Gedanken schweifen. "Aber?" fragte Jill neugierig. "Was für ein Aber?" "Gabe macht es ein bißchen Sorge, in einer Kleinstadt leben zu müssen", sagte Diane. "Er hat bisher immer in der Großstadt gewohnt." "Dann werden wir die Kleinstadt eben interessant für ihn machen!" sagte Andrea zuversichtlich. "Und dazu müssen wir ihm vor allem Nick und Max vom Leib halten!" "Hör mal, Andrea", nahm Jill die beiden in Schutz. "So schlimm sind sie nun auch wieder nicht." "Und warum gehst du dann nicht mit einem von beiden?" konterte Andrea. "Es weiß doch jeder, daß sie ganz verrückt nach dir sind." "Übertreib nicht!" sagte Jill, wußte aber genau, worauf Andrea hinauswollte...



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